Überwinterung von Wasserschildkröten im Gartenteich

Klar, ein Aquarium ist eigentlich immer kleiner als ein Gartenteich. Daher liegt die Versuchung nahe, große Wasserschildkröten im Teich zu halten. Aber artgerecht ist es nicht immer. Ein Teich bietet mehr Platz, dafür ist es zu kalt. An weniger Platz stirbt eine Schildkröte nicht, an zu kalter Haltung jedoch schon.

Typische Probleme der ganzjährigen Teichhaltung von Wasserschildkröten sind Lungenentzündungen, Panzernekrosen und Legenot. Warum? Weil es im Teich für Wasserschildkröten einfach zu kalt ist.

Nicht jede Wasserschildkröte eignet sich für die ganzjährige Haltung im Gartenteich

Klima Europa versus Amerika

Klar, wir haben auch mal schöne Tage bei uns im Sommer. Selbst an der Nordsee regnet es nicht jeden Tag. Der Klimawandel kommt noch hinzu. Trotzdem ist es bei uns einfach kälter als im Herkunftsgebiet der Wasserschildkröten. Um das zu verdeutlichen, habe ich die Durchschnittstemperaturen und Sonnenstunden aus dem Süden und aus dem nördlichen Teil des Verbreitungsgebietes der Rotwangen-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta elegans) herausgesucht und mit den selben Daten aus Deutschland verglichen. Die Rotwangen-Schmuckschildkröte gehört ja zu den klassischerweise für die ganzjährige Teichhaltung empfohlenen Wasserschildkröten.

Temperatur

Zum Vergleich habe ich hier die Durchschnittstemperaturen von drei Orten ausgewählt. New Orleans liegt im Süden des Verbreitungsgebietes der Rotwangen-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta elegans). In dem gleichen Gebiet kommen beispielsweise auch Mississippi-Höckerschildkröten (Graptemys pseudogeographica kohnii), Hieroglyphen-Schmuckschildkröten (Pseudemys concinna concinna) und Gewöhnliche Moschusschildkröten (Sternotherus odoratus) vor. Außerdem sind in der Gegend viele Schildkrötenfarmen. Aus diesen Farmen kommen die gezüchteten Zoohandelsschildkröten nach Europa. Die Elterntiere werden in der Regel im Gebiet um die Farmen aus der Natur entnommen.

Rotwangen-Schmuckschildkröten werden oft für die Teichhaltung empfohlen

Die Stadt Chicago liegt im äußersten Norden des Verbreitungsgebiets der Rotwangen-Schmuckschildkröte, die in Europa gepflegten Tiere stammen jedoch normalerweise nicht ursprünglich aus dieser Gegend. In Chicago kommen zudem Tropfenschildkröten (Clemmys guttata) und Gewöhnliche Moschusschildkröten vor. Außerdem liegt Chicago im Übergangsgebiet von der Westlichen Zierschildkröte (Chrysemys picta bellii) mit der Mittelländischen Zierschildkröte (Chrysemys picta marginata). Als Vergleichs-Temperatur ist Köln-Bonn aufgeführt, eine der wärmsten Ecken Deutschlands.

Chicago ist relativ weit im Norden der USA. Auf einem ähnlichen Breitengrad liegen in Europa aber Rom und Barcelona. Was in den USA im Norden ist, ist bei uns also Südeuropa. New Orleans ist so weit südlich, da gibt keinen europäischen Ort auf der Höhe, es liegt auf einem Breitengrad mit Marokko und Ägypten. Köln liegt so weit nördlich, der Breitengrad geht durch Kanada. Auf dem Breitengrad von Köln kommen in Kanada Westliche Zierschildkröten und Schnappschildkröten (Chelydra serpentina) vor, keine andere nordamerikanische Wasserschildkröte kommt so weit nördlich vor.

Durchschnittstemperaturen (nach MÜLLER 1996):

New OrleansChicagoKöln-Bonn
Jan.13,30,71,2
Feb.14,70,81,8
März17,24,75,2
April21,010,89,2
Mai24,516,913,4
Juni27,721,916,7
Juli28,424,918,2
Aug.28,623,917,5
Sept.26,820,314,5
Okt.22,714,69,8
Nov.16,98,35,7
Dez.13,92,22,5

Es fällt auf dass es in Deutschland durchgehend kälter als in New Orleans ist und nahezu immer kälter als in Chicago. Natürlich gibt es Spitzentemperaturen die höher sind als die angegebenen Durchschnittstemperaturen. Jedoch entsprechen die Durchschnittstemperaturen der Luft meistens etwa der Wassertemperatur von Flüssen und Seen in dem entsprechenden Gebiet. Daher ist dieser Wert für uns Schildkröten-Halter sehr entscheidend. In Deutschland ist es also schlicht dauerhaft zu kalt.

Verschiedene Wasserschildkröten im Gartenteich, von links nach rechts: Europäische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis), Westliche Zierschildkröte (Chrysemys picta bellii) und Nördliche Rotbauch-Schmuckschildkröte (Pseudemys rubriventris)

Sonnenstunden

In der Heimat der Wasserschildkröten scheint die Sonne zwei bis dreimal so oft, wie bei uns.

Sonnenscheindauer pro Monat (nach MÜLLER 1996):

New OrleansChicagoKöln-Bonn
Jan.16015447
Feb.15817168
März213213110
April247237139
Mai292268177
Juni287289200
Juli260302183
Aug.269271165
Sept.241235152
Okt.260213120
Nov.20016953
Dez.15715546

Mit der Kombination einer zu niedrigen Durchschnittstemperatur und der viel selteneren Gelegenheit sich in der Sonne aufzuwärmen, ist das Klima bei uns für nordamerikanische Wasserschildkröten nicht geeignet. Das europäische Wetter im Frühling ist mit seinen warmen und kalten Perioden zusätzlich ein großes Problem für die Wasserschildkröten. Wenn es etwas wärmer wird, werden die Tiere bereits aktiv und können sich dann, falls es kälter wird eventuell sich nicht mehr in tiefere Wasserschichten begeben und erleiden Erfrierungen, holen sich eine Lungenentzündung oder frieren gar im Eis ein. In Amerika ist das Klima deutlich Wasserschildkröten-freundlicher, dort wird es im Frühjahr schneller wärmer und es gibt weniger Schlechtwetter-Perioden. Für asiatische Arten würde ein derartiger Vergleich ähnlich ausfallen.

Welche Wasserschildkröten-Arten eignen sich zur Teich-Überwinterung?

Für die ganzjährige Haltung im Gartenteich ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz eigentlich nur die Europäische SumpfschildkröteEmys orbicularis ssp., geeignet. Auch hier sollte jedoch auf die Lokalform geachtet werden.

Europäische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis)

Oft empfohlen für die Teichhaltung werden auch Zierschildkröten. Die Rückenstreifen-Zierschildkröte (Chrysemys picta dorsalis) ist jedoch zu wärmebedürftig für die Teichhaltung. Bei den anderen drei Unterarten (Chrysemys picta bellii, C. p. marginata und C. p. picta) rate ich von der Überwinterung im Gartenteich ab, andere Schildkrötenhalter haben dabei jedoch positive Erfahrungen gemacht.

Westliche Zierschildkröte (Chrysemys picta bellii)

Relativ selten gepflegt und noch seltener gezüchtet wird die Nördliche Rotbauch-Schmuckschildkröte (Pseudemys rubriventris). Sie kommt von allen Schmuckschildkröten am weitesten im Norden vor, ihr Verbreitungsgebiet reicht von New Jersey bis North Carolina. Daher ist sie von allen Schmuckschildkröten noch am ehesten für die ganzjährige Teichhaltung geeignet. Ich würde sie zur Sicherheit jedoch Anfang November aus dem Teich holen, bei 4-8 °C im Kühlschrank überwintern und erst im Frühling (wenn die Forsythien blühen) wieder in den Teich setzen. In einem ungeheizten Gewächshaus ist die ganzjährige Haltung möglich.

Nördliche Rotbauch-Schmuckschildkröte (Pseudemys rubriventris)

KALTER (2012) empfiehlt zur ganzjährigen Freilandhaltung Europäische Sumpfschildkröten (Emys orbicularis), Waldbachschildkröten (Glyptemys insculpta), Rotwangen-Schmuckschildkröten (Trachemys scripta elegans), Zierschildkröten (Chrysemys picta picta, Chr. p. bellii und Chr. p. marginata) und Tropfenschildkröten (Clemmys guttata).

Die SIGS ist auch weniger kritisch, was die Teichüberwinterung angeht. In ihrem Merkblatt empfehlen sie für die ganzjährige Teichhaltung folgende Arten: Europäische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis), Schnappschildkröte (Chelydra serpentina), Westliche Zierschildkröte (Chrysemys picta bellii), Gewöhnliche Moschusschildkröte (Sternotherus odoratus), Rotwangen-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta elegans) und Gelbwangen-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta scripta).

Wie muss der Teich für die Überwinterung gestaltet sein?

Wichtig bei der Überwinterung von Wasserschildkröten im Gartenteich ist, dass der Teich mindestens 100 cm tief ist und flach ansteigende, gut griffige Wände hat (Teichfolie ist glatt!). In den Übergangszeiten (Frühjahr und Herbst) ist das Wasser nämlich oft so kalt, dass die Wasserschildkröten zu steif zum schwimmen sind. Sie müssen dann die Möglichkeit haben, die Wasseroberfläche laufend zu erreichen. Außerdem muss der Teich vollsonnig liegen und idealerweise auch windgeschützt.

Literatur

Kalter, G. (2012): Freilandanlagen für Wasser- und Sumpfschildkröten. – Chimaira (Frankfurt am Main), 175 S.*

Müller, M (1996): Handbuch ausgewählter Klimastationen der Erde. – Trier (Forschungsstelle Bodenerosion der Universität Trier Mertesdorf [Ruwertal] 5) 400 S.

Müller, V. & W. Schmidt (2002): Schildkröten im Gartenteich. – Natur und Tier Verlag (Münster), 112 S.*

SIGS (ohne Jahr): Merkblatt Überwinterung von Wasserschildkröten. – Schildkröten-Interessengemeinschaft Schweiz, 4 S.