Gefahren der Überwinterung von Wasserschildkröten

Die Überwinterung von Wasserschildkröten weckt mulmige Gefühle beim Pfleger von Wasserschildkröten. Die Angst, dass die Schildkröten während der Überwinterung sterben ist groß. Doch: würden Wasserschildkröten aufgrund des Winters sterben, dann würden sie in Regionen mit kalten Wintern nicht vorkommen, sondern wären ausgestorben. In den nördlichen Teilen ihres Verbreitungsgebietes in Nordamerika können Wasserschildkröten mehr als die Hälfte ihres Lebens in einem Überwinterungszustand verbringen. Natürlich stehen viele Schildkrötenarten am Rande der Ausrottung, aber nicht aufgrund der Winter, sondern durch Lebensraumzerstörung und Wilderung der freilebenden Schildkröten für den menschlichen Verzehr, Heimtierhandel und die traditionelle Chinesische Medizin.

Was passiert wenn ich meine Wasserschildkröte nicht überwintere?

Das hängt von der Wasserschildkröten-Art ab. Die tropischen Wasserschildkröten-Arten brauchen nicht überwintert werden, es ist sogar so, dass eine kalte Überwinterung ihnen schadet und tatsächlich zum Tode führen kann. Aber die allermeisten als Heimtier gepflegten Wasserschildkröten-Arten kommen aus den gemäßigten oder maximal subtropischen Regionen dieser Erde. Für diese ist eine Überwinterung absolut zu empfehlen.

Die Nachahmung der natürlichen klimatischen Gegebenheiten ist elementarer Bestandteil der artgerechten Haltung von Wasserschildkröten!

Wenn eine Wasserschildkröte das ganze Jahr hindurch im “Sommer” lebt, dann wächst sie viel zu schnell. Bei so schnellem Wachstum können Knochen und Organe nicht mithalten, es kommt zu irreparablen Knochen- und Organschäden.

Ein weiteres Problem bei fehlendem Jahresrhythmus ist, dass der Hormonhaushalt der Schildkröte aus dem Ruder gerät. Die Plasma-Level von Testosteron, Thyroxin (ein Schilddrüsen-Hormon) und FSH haben beispielsweise bei der Zierschildkröte eine ausgeprägte Saisonalität. Während Testosteron und FSH (follikelstimmulierendes Hormon) im Frühjahr und Herbst ihren Peak (also Höhepunkt) haben, liegt er bei Thyroxin im Juli (LICHT et al. 1985). Die physiologische Rolle von Schilddrüsenhormon Thyroxin ist bei Schildkröten zu wenig untersucht, um Spekulationen über die Bedeutung des ausgeprägten saisonalen Zyklus zu erlauben. Die beiden Hormone Testosteron und FSH sind für die Fortpflanzung ganz entscheidend, daher züchten Wasserschildkröten ohne entsprechend gestalteten Jahresrhythmus nicht.

Letztendlich kann man sagen: wird eine Wasserschildkröte, die in der Natur kalt überwintern würde, im Haus dauerhaft warm gehalten, dann stirbt sie früher.

Eine Ausnahme gibt es jedoch: Wasserschildkröten die sich gerade in tierärztlicher Behandlung oder in der Erholungsphase nach einer Erkrankung befinden, sollten nicht kalt überwintert werden.

Erstickt die Wasserschildkröte während der Überwinterung?

Klares Nein. Ich empfehle während der Überwinterung den Wasserstand im Überwinterungsbehälter so hoch zu haben wie der Panzer der Wasserschildkröte breit ist. Dies hat folgenden Grund: Es ist möglich, dass die Schildkröte während der Überwinterung auf den Rücken fällt, ist der Wasserstand dann niedriger, dann kann sie sich nicht ohne weiteres umdrehen. Du musst dir trotzdem keine Sorgen machen, dass die Schildkröte erstickt.

Wasserschildkröten sind die luftatmenden Wirbeltiere mit der größten Toleranz gegenüber einem Sauerstoffmangel.

In der Natur überwintern Wasserschildkröten auf dem Gewässerboden. Dort ist der Wasserstand über ihnen noch höher als in der Überwinterungskiste, die Tiere können die Wasseroberfläche also nicht erreichen. Zumal im Winter oft eine Eisschicht auf dem Gewässer ist.

Die Wasserschildkröten sterben trotzdem nicht an einem Sauerstoffmangel, denn während der Winterstarre fahren sie ihren Stoffwechsel extrem runter (etwa um 90 %). Durch diesen Trick wird nicht nur die Herzfrequenz, sondern auch der Sauerstoffverbrauch extrem reduziert. Ist eine Wasserschildkröte aktiv, also beispielsweise im Sommer, dann liegt ihr Sauerstoff-Verbrauch bei etwa 30-40 Milliliter pro Kilogramm Körpergewicht pro Stunde (ml/kg/h), während der Winterstarre sinkt der Sauerstoffverbrauch unter 3 ml/kg/h.

Während der Winterstarre suchen sich Schildkröten zum Überwintern einen Ort mit guter Sauerstoffversorgung auf und decken ihren Sauerstoffbedarf ohne an der Oberfläche zu atmen. Von einigen Arten ist bekannt, dass sie Sauerstoff aus dem Wasser aufnehmen können, meistens über die Schleimhaut in der Kloake oder des Mauls.

Bei Versuchen an der Hieroglyphen-Schmuckschildkröte (Pseudemys concinna concinna) und Gewöhnlichen Moschusschildkröten (Sternotherus odoratus) wurde festgestellt, dass sie in 3 °C kaltem Wasser welches mit Sauerstoff angereichert wurde für 150 Tage überleben, ohne dass ihnen die Möglichkeit gegeben wurde an der Wasseroberfläche zu atmen. Die weiter nördlich vorkommenden Zierschildkröten (Chrysemys picta) überlebten sogar über ein halbes Jahr. Wurde der Versuchsaufbau hingegen mit sauerstoffarmem Wasser durchgeführt überlebten die Hieroglyphen-Schmuckschildkröten nur 50 Tage, die Gewöhnlichen Moschusschildkröten sogar nur fünf Tage (ULTSCH 1985).

Bei Sauerstoffmangel übersäuern Wasserschildkröten. Sie haben aber einen Mechanismus entwickelt, um ihren Säure-Base-Haushalt als Reaktion auf eine extreme, durch anaerobe Glykolyse entstandene Milchsäureazidose zu regulieren. Der wichtigste Teil dieses Mechanismus ist die Ausnutzung der Pufferreserven der Schildkröten, insbesondere des Schildkrötenpanzers. Karbonate werden aus Knochen und Panzer freigesetzt, um die Pufferung der Milchsäure in der Körperflüssigkeit zu unterstützen, und die Milchsäure wandert in Panzer und Knochen, wo sie gepuffert und gespeichert wird. Deswegen sind Jungtiere von Wasserschildkröten gegenüber einem Sauerstoffmangel etwas empfindlicher als ausgewachsene Exemplare, der Panzer von Babys ist schlicht elastischer und weniger knöchern.

Die Viskosität des Blutes (also wie “flüssig” bzw. “zäh” das Blut ist) ist umgekehrt proportional zur Körpertemperatur. Bei Kälte gerinnt das Blut nicht so leicht wie bei wärmeren Temperaturen, das ist bei niedriger Herzfrequenz wichtig.

Stirbt meine Wasserschildkröte während der Überwinterung?

Normalerweise nicht, es sei denn du hast eine Krankheit oder beginnende Erkrankung übersehen. Außerdem musst du dich natürlich an ein paar Grundsätze zur Vorbereitung halten (Futter vorher reduzieren und kurz vor der Überwinterung ganz weglassen, Vorbereitung frühzeitig beginnen, sprich monatlich die Temperatur und Beleuchtungslänge anpassen), dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Schildkröte während der Überwinterung stirbt sehr gering.

Die Mortalität (also die Sterblichkeit) bei Schildkrötenpopulationen in der Natur ist während der Winterstarre typischerweise geringer als während der aktiven Zeit. Allerdings kommt es während des Winterschlafs zu episodischen Todesereignissen, die auf das Einfrieren, einen verlängerten Sauerstoffmangel oder Raubtiere zurückzuführen sind. Gleiches gilt für die Überwinterung im Haus: die allermeisten Wasserschildkröten sterben während der aktiven Zeit. Ich habe schon hunderte Wasserschildkröten überwintert, nur ein einziges mal ist mir ein Exemplar während des Kühlschrankaufenthaltes gestorben. Auch bei mir sterben die allermeisten Wasserschildkröten während sie ganz normal aktiv sind.

Bei der Überwinterung im Gartenteich, von der ich ja für die allermeisten Arten abrate, sterben Wasserschildkröten auch nicht während des Winters, sondern im Herbst und insbesondere im Frühling. Der mitteleuropäische Frühling ist nicht mit dem Frühling in Nordamerika oder Südost-Asien zu vergleichen. Es wird nicht schnell genug warm. Die ausgeprägten Perioden in denen es bei uns nicht richtig kalt, aber auch nicht richtig warm ist, sind das Problem. In dieser Zeit sterben die meisten Teichschildkröten.

Literatur

Licht, P., G. L. Breitenbach & J. D. Congdon (1985): Seasonal cycles in testicular activity, gonadotropin, and thyroxine in the painted turtle, Chrysemys picta, unter natural conditions. – General and Comparative Endocrinology, 59(1): S. 130-139.

Ultsch, G. R. (1985): The viability of nearctic freshwater turtles submerged in anoxia and normoxia at 3 and 10 degrees C. – Comparative biochemistry and physiology. A, Comparative physiology, 81(3), S. 607-611.