Vitamin C (Ascorbinsäure) bei Schildkröten

Der Ungar Albert Szent-Györgyi von Nagyrápolt isolierte als erster Ascorbinsäure (unter anderem aus Paprika) und entdeckte deren Wirkung als Vitamin C gegen die früher bei Seefahrern häufige Vitaminmangelkrankheit Skorbut. Für seine Forschung erhielt er 1937 den Nobel-Preis.

Der chemische Name Ascorbinsäure des Vitamin C ist von einer Wirkung gegen Skorbut abgeleitet. Skorbut ist auf latein scorbutus und das a vorweg bedeutet gegen.

Schmuckschildkröten, wie diese Pseudemys peninsularis, können Vitamin C selbst herstellen

Biochemie des Vitamin C

Die meisten Tierarten können Vitamin C selbst herstellen. Lediglich Menschen (und andere Trockennasenprimaten), Meerschweinchen, Regenbogenforellen, Flughunde und Insekten können es nicht. Sie sind auf Zufuhr von Vitamin C mit der Nahrung angewiesen. Ihnen fehlt das zur Bildung notwendige Enzym L-Gulonolakton-Oxidase. Eine der Vorstufen für Ascorbinsäure ist Glukose, also ein Zucker.

Vitamin C = Ascorbinsäure

Bei Schildkröten sind die für die Ascorbinsäure-Synthese notwendigen Enzyme in der Niere vorhanden (GROLLMANN & LEHNINGER 1957, GONG et al. 2011). Schildkröten können ihr Vitamin C also selbst herstellen! Bei den meisten Säugetieren ist das Enzym in der Leber vorhanden, Vögel haben es wie Reptilien in den Nieren.

Für die Resorption von Eisen ist Vitamin C notwendig. Ein Vitamin-C-Mangel kann daher zu Eisenmangel führen. Zudem ist Ascorbinsäure ein wichtiges Antioxidans, neutralisiert also freie Radikale bei oxidativem Stress. Vitamin C ist zudem in der Lage Vitamin E zu regenerieren. Bei der Immunreaktion gegen Infektionen spielt die Ascorbinsäure auch eine Rolle.

Überschüssiges Vitamin C wird einfach über die Nieren mit dem Harn ausgeschieden. Es findet keine Speicherung von Vitamin C im Körper statt.

Wachstum und Vitamin C bei Schildkröten

Bei der Rotwangen-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta elegans) sahen McROBERT & HOPKINS (1998) keinen Bedarf für Vitamin C, sie konzentrierten sich bei ihrer Studie auf das Wachstum.

Bei der Chinesischen Weichschildkröte wurden hingegen positive Effekte auf das unspezifische Immunsystem bei einem Gehalt von 2500 mg Vitamin C pro kg Futter gesehen (ZHOU et al. 2002). Die Abwesenheit von Vitamin C verzögerte das Wachstum zwar nicht, aber ab 370 mg/kg Futter führte Vitamin C zu einer höheren Panzerfestigkeit und höherem Kollagenanteil (WANG & HUANG 2015). In einer anderen Studie war das Wachstum von Chinesischen Weichschildkröten bei 500 mg Vitamin C pro kg Futter am besten, sowohl bei weniger, als auch bei mehr Vitamin C im Futter wuchsen die Schildkröten schlechter (ZHOU et al. 2003). Auch in der Studie von SHAO et al. (2004) wuchsen Chinesische Weichschildkröten besser wenn sie mit Vitamin C versorgt wurden, zudem war ihr Körperfettanteil höher.

Albino der Chinesischen Weichschildkröte, Pelodiscus sinensis

Stress und Vitamin C bei Schildkröten

Bei Stress ist der Vitamin-C-Bedarf erhöht, durch vermehrten Abbau. Vitamin C ist ein wichtiges Antioxidans.

Bei oxidativem Stress ist insbesondere Vitamin C für Chinesische Weichschildkröten wichtig (ZHANG et al. 2019). Stresshormone zeigten, dass mit Vitamin C versorgte Chinesische Weichschildkröten weniger anfällig für Stress waren (ZHOU et al. 2003). Temperaturschwankungen führen zu oxidativem Stress, Ascorbinsäure hilft Chinesischen Weichschildkröten Kälteperioden ohne oxidativen Stress zu überstehen (CHEN et al. 2015).

Vitamin C während der Winterstarre

Der Vitamin-C-Gehalt im Gehirn, in der Leber, in den Nieren und in der Milz (nicht aber in den Muskeln) ging während der Winterstarre von Chinesischen Weichschildkröten deutlich zurück, erreichte aber nach dem Aufwachen wieder die Werte vor der Starre oder sogar höhere Werte. Nur in der Milz gab es oxidative Schäden, weil Vitamin C dort vollständig erschöpfte. Im Frühjahr erholte sich die Milz zwar, aber die geschädigte Milz könnte eine Erklärung für schlechtere Immunabwehr von Schildkröten nach der Winterstarre sein (CHEN et al. 2019).

Vitamin-C-Gehalt verschiedener Futtermittel

Allgemein kann man sagen, dass tierische Futtermittel kein bzw. kaum Vitamin C enthalten. Pflanzen hingegen sind gute Vitamin-C-Quellen, insbesondere Wildkräuter.

FuttermittelVitamin C in mg/kg TS
Brennnessel19.940
Weiße Taubnessel13.012
Wiesenbocksbart10.977
Schafgarbe8.994
Vogelmiere8.851
Petersilie8.785
Wilde Malve8.725
Giersch7.978
Franzosenkraut7.758
Löwenzahn6.239
Breitwegerich5.466
Spitzwegerich4.112
Feldsalat3.645
Kopfsalat2.280
Endivie1.621
Chicorée1.475
Rinderleber1.077
Hühnerleber942
Schweineleber821
Wasserschraube #757
Möhre593
Schweineherz257
Tausendblatt #248
Hühnerherz233
Rinderherz224
Miesmuschel190
Wasserpest #105
Nordseegarnele88
Zander46
Karpfen41
Lachs29
Ascorbinsäure-Gehalt von Schildkrötenfutter (SOUCI et al. 2016, Daten von Wasserpflanzen mit # markiert aus NELSON & PALMER 1939)

Als besonders reich an Vitamin C gilt zudem die Zitrone, sie hat einen Vitamin-C-Gehalt von 5.204 mg/kg TS. Die Acerola hingegen hat 157.407 mg/kg TS und unsere heimische Hagebutte 25.100 mg/kg TS (SOUCI et al. 2016).

Vitamin C bei Landschildkröten

Im Zuge der artgerechten Ernährung werden Landschildkröten mit Wildkräutern gefüttert. Weil Wildkräuter immer sehr reich an Vitamin C sind haben artgerecht ernährte Landschildkröten keinen Mangel an Vitamin C.

Hypovitaminose C / Vitamin-C-Mangel

Beim Menschen kommt es bei Mangel an Vitamin C zu Skorbut. Dieser Vitaminmangel äußert sich in Zahnfleischblutungen, Lockerung der Zähne, kleine Blutungen unter der Haut, trockene Haut, verringerter Leistungsfähigkeit und Anfälligkeit gegenüber Infektionen.

Bei Schildkröten sind mir keine Berichte über Krankheiten bekannt die durch einen Mangel an Vitamin C ausgelöst werden.

Bei Riesenschlangen (insbesondere Königspythons) gibt es Berichte über Vitamin-C-Mangel. Es kommt zu glanzloser, dünner und rissiger Haut. Die Ursache sind falsch gefütterte oder autolytische („gammelige“) Futtertiere.

Konservierungsstoff

Als E300 ist die Ascorbinsäure einigen Lebensmittel als Konservierungsstoff zugesetzt. Dies ist auf die antioxydativen Eigenschaften des Vitamin C zurückzuführen („Antioxidationsmittel“). Also keine Angst vor E-Nummern bei Lebensmitteln, dahinter kann sich auch ein Vitamin verstecken! Auch in Futtermitteln, auch bei vielen Sticks für Wasserschildkröten, wird Vitamin C zugesetzt. Nicht unbedingt nur um einem Mangel vorzubeugen, sondern auch als Konservierungsstoff.

E300 = Ascorbinsäure
E301 = Natriumascorbat, das Natriumsalz der Ascorbinsäure
E302 = Calciumascorbat (auch als Calcium-L-Ascorbat bezeichnet), das Calciumsalz der Ascorbinsäure
E304 = Palmitinsäureascorbylester bzw. Ascorbylpalmitat, Ester aus Ascorbinsäure mit Alkohol- bzw. Palmitinsäure

Wenn E301 und E302 nicht zur Konservierung eingesetzt werden, sondern ausschließlich um den Vitamin-C-Gehalt des Produktes zu erhöhen, darf es auch als Vitamin C deklariert werden. Durch den Einsatz als Konservierungsmittel ist heute tatsächlich Wurst eine wichtige Vitamin-C-Quelle für viele Menschen und nicht nur Südfrüchte.

Fun-Fact

Wenn Heroin auf einem Löffel vorbereitet wird, um es zu spritzen, dann sorgt Vitamin C dafür, dass es wasserlöslich ist. Ansonsten ist Heroin nämlich ein kristalliner Feststoff, den man nicht intravenös verabreichen kann. Kleiner Hinweis: Heroin macht extrem abhängig, ist oft tödlich und der Konsum begünstigt weitere Krankheiten. Hilfe bei Suchtkrankheiten bietet die Sucht- & Drogen-Hotline: www.bzga.de/service/infotelefone/sucht-drogen-hotline/. In vielen Städten gibt es auch ambulante Beratungsstellen.

Literatur

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Chen, B., C. Niu, L. Yuan & W. Zhang (2019): Physiological responses in vitamin C system during hibernation in juvenile Chinese soft-shelled turtle Pelodiscus sinensis. – Journal of Oceanology and Limnology, 37(2), S. 767-776.

Gong, X., C. Niu & Z. Zhang (2011): cDNA cloning and tissue expression for L-gulonolactone oxidase gene in soft-shelled turtle Pelodiscus sinensis a species with the ability to synthesize ascorbic acid. – Fisheries Science, 77(4), S. 547-555.

Grollman, A. P., & A. L. Lehninger (1957): Enzymic synthesis of L-ascorbic acid in different animal species. – Archives of Biochemistry and Biophysics, 69, S. 458-467.

McRobert, S. P., & D. T. Hopkins (1998): The effects of dietary vitamin C on growth rates of juvenile slider turtles (Trachemys scripta elegans). – Journal of Zoo and Wildlife Medicine, S. 419-422.

Nelson, J. W., & L. S. Palmer (1939): I. Nutritive value and general chemical composition of species of Elodea, Myriophyllum, Vallisneria, and other aquatic plants. – Univ. Minn. Agric. Exp. Sta. Tech. Bull, 136, S. 1-34.

Shao, Q. J., L. H. Zhang, J. X. Liu, X. J. Dai & Z. R. Xu (2004): Effect of dietary Vc supplementation on growth and tissue Vc content in juvenile soft-shell turtle Trionyx sinensis. – Acta Hydrobiologica Sinica, 28(3), S. 274-277.

Souci, S. W., W. Fachmann & H. Kraut (2016): Die Zusammensetzung der Lebensmittel, Nährwert-Tabellen. – MedPharm Scientific Publishers, 1262 S.

Wang, C. C., & Huang, C. H. (2015): Effects of dietary vitamin C on growth, lipid oxidation, and carapace strength of soft-shelled turtle, Pelodiscus sinensis. – Aquaculture, 445, S. 1-4.

Zhang, W., H. Jia, C. Niu, X. Chen & K. B. Storey (2019): Effect of exogenous hydrogen peroxide on ROS balance and antioxidant response in Chinese soft-shelled turtle Pelodiscus sinensis. – Aquaculture, 501, S. 293-303.

Zhou, X., C. Niu, R. Sun & Q. Li (2002): The effect of vitamin C on the non-specific immune response of the juvenile soft-shelled turtle (Trionyx sinensis). – Comparative Biochemistry and Physiology Part A: Molecular & Integrative Physiology, 131(4), S. 917-922.

Zhou, X., M. Xie, C. Niu & R. Sun (2003): The effects of dietary vitamin C on growth, liver vitamin C and serum cortisol in stressed and unstressed juvenile soft-shelled turtles (Pelodiscus sinensis). – Comparative Biochemistry and Physiology Part A: Molecular & Integrative Physiology, 135(2), S. 263-270.